Die Geschichte als PDF

Älgi, der Couchsurfer

Manchmal beginnen große Veränderungen mit verblüffend kleinen Fragen. Daran hätten wir denken sollen, als Älgi eines Tages vor uns stand und wissen wollte:

„Wolf! Siri! Was genau ist eigentlich Couchsurfing?“

Siri öffnete den Mund, um zu antworten, aber ich kam ihr zuvor:

Couchsurfing ist, wenn du deine Couch ans Meer transportierst und dort auf eine Riesenwelle wartest, um mit ihr zusammen darauf reiten zu können.“

Älgi zeigte sich unbeeindruckt. „Ja, ich verstehe“, sagte er. „Das war mal wieder einer deiner – zugegebenermaßen gelungenen – Versuche, witzig zu sein. Dummerweise weiß ich aber, dass Couchsurfing etwas ganz anderes bedeutet. Nämlich das Übernachten auf der Couch von fremden Leuten. In fremden Wohnungen.“

Ich stutzte. „Wenn du das sowieso schon weißt, warum fragst du uns dann?“

„Um damit unser Gespräch einzuleiten natürlich. Ihr Menschen legt doch großen Wert darauf, dass man nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Wenn Siri was von dir will, verpackt sie das ja auch immer in mehr oder weniger geschickte Fragen wie „Findest du nicht auch, dass ich gar nichts Richtiges mehr zum Anziehen habe?“ oder „Sollte unsere Wohnung nicht mal wieder umdekoriert werden?“ oder „Hast du nicht Lust, mal schnell den Müll runterzubringen? Vielleicht kommst du dabei ja auch gleich beim Bäcker vorbei...“

„Jaja, schon gut“, unterbrach ich unseren redseligen Elch. Dieses Thema musste nun wirklich nicht vertieft werden... „Ich habe den Punkt durchaus verstanden. Aber warum interessierst du dich auf einmal so fürs Couchsurfing?“

„Ganz einfach“, erklärte Älgi mit einer Selbstverständlichkeit, als spräche er gerade über das Wetter. „Weil ich es demnächst mal ausprobieren will.“

„Du willst... was?“, entfuhr es mir.

„Es ausprobieren“, wiederholte Älgi geduldig. „Seht mal, ich lebe nun schon eine ganze Weile hier bei euch in Berlin. Vom Rest eures schönen Landes habe ich bisher kaum etwas mitbekommen. Und als ich das mit diesem Couchsurfing erfahren habe, da habe ich mir gedacht: Elch, das ist doch die Gelegenheit! Mal ein paar Monate durch die Gegend zu gondeln und sich alles in Ruhe anzuschauen.“

„Du willst... was?“, erkundigte sich nun auch Siri.

Eigentlich waren das ja meine Worte gewesen. Aber wahrscheinlich kann man seinen völligen Unglauben einfach nicht besser ausdrücken.

„Naja, im Grunde ist es nicht direkt Couchsurfing, was ich vorhabe“, fuhr Älgi unbeirrt fort. „Sondern eher so eine Art Gastfamiliensurfing. Toll wäre es, wenn ich insgesamt 20 davon finden könnte. Solche netten wie euch halt, nur eben an anderen Orten. Dann würde ich bei jeder von denen, sagen wir, eine erlebnisreiche Woche verbringen - und wäre nach nicht einmal 6 Monaten wieder zurück bei euch in Berlin. Na, was haltet ihr davon?“

Auha, dachte ich mir im Stillen. Wenn das mal gutgeht... Laut sagte ich: „Und wie hast du dir das Ganze vorgestellt? Ich meine, wie willst du diese... Gastfamilien denn überhaupt finden?“

„Nichts leichter als das“, gab Älgi sich überzeugt. „Heutzutage gibt es doch unzählige Wege, auf sich und seine Sache aufmerksam zu machen. Allein schon die fantastischen Möglichkeiten, die einem eurer Internet da bietet... Gerade heute habe ich mich übrigens auf einer dieser Couchsurfing-Seiten angemeldet und schon mal ein paar unverbindliche Anfragen abgeschickt.“

„Du hast... was?“, rief Siri entgeistert.

„Nichts für ungut, Leute“, sagte Älgi vorwurfsvoll. „Aber irgendwie haben sich eure Fragen schon mal ein Stück weit... intelligenter angehört.“

„Entschuldige, Älgi, du hast natürlich Recht. Aber irgendwie kommt deine Reiseankündigung doch ein wenig sehr...“

„... überraschend“, ergänzte ich bereitwillig.

Älgi nickte verständnisvoll. „Das kann ich mir gut vorstellen“, sagte er. „Aber ich werde ja auch erst an Midsommar aufbrechen. Bis dahin bleibt euch also noch mehr als genug Zeit, euch eure Gedanken darüber zu machen... Und nun entschuldigt mich, ich muss nämlich mal schnell einen Blick in mein elektronisches Postfach werfen. Vielleicht hat ja schon jemand auf meine Anzeige geantwortet...“

Und schon war er wieder weg. Wir dagegen blieben bedröppelt in der Küche sitzen und schwiegen eine ganze Weile bedeutungsvoll vor uns hin.

„Na holla die Waldfee!“, brach es irgendwann aus Siri heraus. „Das ist ja ein echter Hammer. Und ich hatte schon gehofft, nach der Geschichte mit Äl Giso könnte es nicht mehr schlimmer kommen.“

„Du sagst es“, murmelte ich düster. „Gerade erst hatte ich mich daran gewöhnt, dass meine Kreditkarte nirgendwo vor Älgis Zugriff sicher ist. Aber nun sieht es danach aus, als ob sie demnächst auch noch monatelang auf Wanderschaft gehen wird.“

„Ist das alles, was dir dazu einfällt?“, empörte sich Siri.

Ich konnte ihren Gefühlsausbruch gut verstehen. So ungefähr musste es sich anfühlen, wenn die eigenen Kinder plötzlich flügge wurden. Obwohl Älgi ja gar nicht unser Kind war, sondern nur ein Stoffelch, der sich oft genug wie ein Kind benahm. Oder wie einer dieser pubertierenden Jugendlichen, denen man am Liebsten das Fell über die Ohren ziehen wollte. Nichtsdestotrotz würden wir ihn natürlich tierisch vermissen, wenn er erst einmal aus dem Haus war.

Aber andererseits war das eigentlich eine tolle Idee, die Älgi sich da ausgedacht hatte. Einfach mal die Koffer packen und den Alltag eine Zeitlang hinter sich lassen ... ich muss zugeben, dass ich ihn um dieses Abenteuer beneidete. Wo würde ihn seine große Reise wohl hinführen? Und wen würde er dabei alles kennenlernen...?

 

 

Die Geschichte ist an dieser Stelle natürlich noch nicht zu Ende, sondern hat gerade erst angefangen. Weitergeschrieben wird sie aber von Älgi und seinen zukünftigen Gastfamilien. Verfolgt ihre gemeinsamen Erlebnisse ab dem 21.Juni 2014 auf www.facebook.com/kinderbuchAelgi! Oder werdet selber Gastgeber von Älgi und berichtet den anderen von seinem Besuch bei euch!