Wie Älgi unter die Menschen kam

Stockholm, Schweden. Der letzte Tag unseres Kurzurlaubs war in vollem Gange, für den Abend wartete bereits unser Flieger zurück nach Berlin. Höchste Zeit also, sich schnell noch mit ein paar Reiseandenken zu versorgen. Und zwar möglichst mit solchen, die nicht auch zu Hause beim nächstbesten IKEA herumlagen. Denn wer will sich schon gerne dem Verdacht aussetzen, er habe sich dort lediglich für ein Wochenende einschließen lassen, um hinterher eine Fernreise vortäuschen zu können?

Wir jedenfalls nicht! Also spazierten wir munter durch die Souvenirläden der schwedischen Hauptstadt, die auch an einem stinknormalen Sonntag ihre Pforten geöffnet hatten. Irgendwie hatten die aber den Wiedererkennungswert von deutschen Fernsehsendern: Kennt man erst einen, kennt man sie alle! Gelangweilt schritt ich die Reihen mit den Geschenkartikeln ab. Auch der Laden in der Kungsgatan, den wir gerade betreten hatten, bot nur den handelsüblichen Touristenkitsch an.

Und so staunte ich nicht schlecht, als ich mit einem Mal doch noch eine richtige Perle entdeckte: einen kleinen, etwa handgroßen Elch mit braunem Fell und den süßesten Knopfaugen, die ich je bei einem Stofftier gesehen hatte. Er lag da in einer Schale mit vielen anderen Stoffelchen, die alle irgendwie gleich aussahen. Aber dieser kleine Elch, so schien es mir, hatte etwas ganz Besonderes. Interessiert nahm ich ihn aus seiner Schale in die Hand und musterte ihn ausgiebig. Als ich damit fertig war und ihn gerade wieder zurückpacken wollte, geschah etwas Ungeheuerliches: Der kleine Elch blinzelte mir zu!

Es war nur ein kurzes Blinzeln gewesen, aber es reichte aus, um mich in helle Aufregung zu versetzen. Mein Aufschrei, mit dem ich den Elch wieder in seine Schale zurückfallen ließ, drang locker durch den ganzen Laden. Aber lediglich meine Freundin Siri ließ daraufhin alles stehen und liegen und kam zu mir herübergeeilt.

„Was ist los, Wolf?“, fragte sie alarmiert. „Warum starrst du so entsetzt auf die Schale mit diesen Stofftieren?“

„D – d - dieser Elch da … stell dir vor, der hat mir zugeblinzelt!“

(c) Smiling Berlin Verlag 2014, Garfield, Shawn das Schaf, Alf,Geschenkbuch, Familienbuch, Kinderbuch, Berlin, Buch, Abenteuer in Berlin, Jung und Alt, Elch, Älgi, Wolf Schrankl, Abenteuer eines eingewanderten Stoffelchs, Stoffelch, Kuscheltier„Oh“, machte Siri. Um einige Sekunden später, bereits in leicht verändertem Tonfall, hinzuzufügen: „Hat er das?“

Ich holte erst einmal tief Luft.

„Ja, das hat er!“, sagte ich mit Nachdruck. „Ich weiß gar nicht, warum du mich so seltsam anguckst. Ich bin schließlich nicht gaga.“

„Nun, zumindest bist du nicht Lady Gaga“, gestand Siri mir zu. „Und was das andere angeht: Welcher von den kleinen Rackern dort war es denn?“

„Der da!“, sagte ich und zeigte zielsicher auf das Stofftier, das ich vor kurzem noch in den Händen gehalten hatte. Als Siri sich daraufhin vorbeugte, um nach dem kleinen Elch zu greifen, entfuhr mir ein warnendes „Pass auf!“

„Aber natürlich passe ich auf, Wolf“, versicherte sie mir, und ihre Stimme bekam dabei so einen milden Unterton, wie sie ihn häufig hatte, wenn sie mit ihrer 6-jährigen Nichte redete. „Der Kleine wird mich schon nicht gleich angreifen. Und falls doch: Du weißt ja, ich kann Karate!“

Das war mir neu, aber ich wollte in dieser Situation ihre Verteidigungslinie nicht untergraben. Siri schnappte sich den besagten Elch mit einem beherzten Griff und schaute ihn sich neugierig an. Schließlich drehte sie sich mit einem breiten Lächeln zu mir herum.

„Wie hat er dir denn zugeblinzelt, Wolf?“, fragte sie. „Ungefähr so?“ Sie versuchte es nachzumachen und traf es sogar erstaunlich gut. Offenbar beflügelt durch diesen Erfolg drehte Siri jetzt allerdings erst richtig auf. „Und weißt du was? Der Kleine kann sogar sprechen. Hörst du, was er sagt? Och, bitte, lieber Wolf, nimm mich mit zu dir nach Hause! Hier ist mir so langweilig. Wenn du deine Freundin lieb bittest, holt sie mich als Geschenk für dich. Das wäre doch super, oder? Dann könnte ich dir zu Hause immer zublinzeln. Blinzel, blinzel!“ Dem Gekicher nach zu urteilen, das ihre Worte begleitete, schien sie sich dabei köstlich zu amüsieren.

Ich verdrehte genervt die Augen und gab es auf, Siri noch von irgendetwas überzeugen zu wollen. Wahrscheinlich kann man von der eigenen Freundin einfach nicht erwarten, dass sie einen vor einem Stofftier rettet. Daher bemühte ich mich lieber darum, dieses Schauspiel möglichst geräuschlos wieder zu beenden.

„Schön“, meinte ich und klatschte dabei aufmunternd in die Hände. „Es freut mich, dass du deinen Spaß gehabt hast. Und wenn du dich irgendwann auch wieder einkriegst, dann können wir ja vielleicht sogar weiterziehen, oder?“ Das schien mir ohnehin ganz ratsam, denn Siris kleine Showeinlage war nicht unbemerkt geblieben. Die Verkäuferin begann schon, etwas komisch in unsere Richtung zu gucken.

Doch Siri ließ sich auch davon nicht aus ihrem Konzept bringen.

Ja, aber was wird dann aus mir?“, ahmte sie mit einem tiefen Brummton die Stimme dieses Stoffelchs nach. „Ihr könnt mich doch nicht einfach hierlassen. He, Kumpel, ich hab dir schließlich zugeblinzelt, schon vergessen? Das mache ich nicht bei jedem. Also nimm mich gefälligst mit! Aber dalli, sonst passiert deiner kleinen Freundin hier etwas!“

„Siri, bitte...“

„Hey, Wolf, hast du das gehört?“, erklang nun wieder Siris richtige Stimme, allerdings noch mit sehr kindlichem Unterton. „Der hat uns bedroht, dieser Elch. Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl, als ihn mitzunehmen!“

„Gut, dann mach hin und bezahl ihn an der Kasse!“

„Wie heißt das Zauberwort, junger Mann?“

„Aber flott!“, sagte ich mit einem verweisenden Blick auf die Uhr. „Wir haben heute schließlich noch mehr vor.“

Zu meiner Überraschung verzichtete Siri darauf, die Sache mit mir auszudiskutieren. Stattdessen sprach sie sich selber mit der tiefen Elchstimme an:

„Ihr Freund ist aber ein ganz schöner Muffelkopf! Ist der immer so?“

„Aber nein, mein lieber Elch!“, sagte Siri beschwichtigend, während sie mir einen vielsagenden Blick zuwarf. „So ist er wirklich nur zwischen 0:00 Uhr und 23:59 Uhr. Den Rest des Tages ist er die Ruhe in Person.“

„Das möchte ich sehen.“

„Das werden Sie. Sobald wir in Berlin sind. Übrigens: Wird Ihnen eigentlich schnell schlecht beim Fliegen…?“

Kopfschüttelnd verfolgte ich, wie Siri mit dem Elch in Richtung Kasse  abmarschierte und ihn dort bezahlte. Anschließend kam sie zurück und überreichte ihn mir mit einem strahlenden Lächeln.

„So, Wolf, darf ich vorstellen: Unser neuer Mitbewohner! Würdest du ihn bitte begrüßen?“

Ich hatte keine Lust, diesen Quatsch noch länger mitzumachen, aber Siri ließ nicht locker.

„Jetzt mach schon, sonst ist er beleidigt!“

„Also gut“, gab ich nach, um endlich meine Ruhe zu haben. „Hallo, Älgi!“

„Älgi? Du nennst ihn Älgi?“

„Warum nicht? Elch heißt auf schwedisch älg. Und er ist schließlich ein kleiner Elch. Ein älgi!“

„Ja, warum eigentlich nicht?“, sagte Siri nach kurzem Nachdenken. „Das gefällt mir. Älgi ist ein guter Name! Jetzt braucht er nur noch einen guten Platz.“ Sie griff an meine Jacke und machte sich an der Brusttasche zu schaffen, bis der Stoffelch bis zum Kopf darin verschwunden war. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. „Perfekt! Dort kann er alles sehen und friert nicht. So, und nun los, ihr beiden! Auf zu neuen Abenteuern!“

Siri schritt voran und ich folgte ihr immer noch kopfschüttelnd. „Wer von uns beiden führte sich hier eigentlich komischer auf?“, überlegte ich laut. Und bekam erneut einen gehörigen Schrecken, als mir klar wurde, dass ich diese Frage doch allen Ernstes an den Elch in meiner Brusttasche gerichtet hatte.

Ich entspannte mich erst wieder, als von dort zum Glück keine Antwort zurückkam…

 

 

 

(c) Smiling Berlin Verlag 2014, Geschenkbuch, Familienbuch, Kinderbuch, Berlin, Buch, Abenteuer in Berlin, Jung und Alt, Elch, Älgi, Wolf Schrankl, Abenteuer eines eingewanderten Stoffelchs, Stoffelch, Kuscheltier